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Full text of "Der Colportagebuchhandel und die Gewerbenovelle"

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Der 



Colportagebuchhandel 



und die 



Gewerbenovelle. 



Von 



Dr. K? g a u m b a c h, 

Mitglied des Reichstags. 



BERLIN. 

VERLAG VON LEONHARD SIMION. 
1883. 



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JlLs ist eine erfreuliche Erscheinung in der Verfassungsgeschichte 
des neuerstandenen deutschen Reiches, dafs man nach den grofsen 
Kriegserfolgen der Jahre 1870 und 1871 auf den innern Ausbau 
des Reiches bedacht, in die Verfassungsurkunde desselben die 
Bestimmung mit aufnahm, wonach die legislatorische Behandlung 
der Presse in den Competenzkreis der Reichsgesetzgebung ge- 
zogen ward. Schon in der Reichstagssitzung vom 2. Mai 1871 
stellte sodann der damalige Präsident des Reichskanzleramts die 
Vorlegung eines Riichsprefsgesetzes in Aussicht; der Reichstag 
selbst förderte die hochwichtige Angelegenheit im Wege der 
Interpellation durch Initiativanträge und durch commissarische 
Berathung der letzteren, bis dann die verbündeten Regierungen 
im Jahre 1874 den Entwurf eines deutschen Prefsgesetzes dem 
Parlament vorlegten, und demnächst das Reichsprefsgesetz vom 
7. Mai 1874 zwischen den gesetzgebenden Factoren des Reiches 
vereinbart wurde. 

Das Reichsprefsgesetz bedeutet den vollständigen Bruch mit 
dem früheren Präventivsystem, unbeschadet der Bestrafung des 
durch die Presse verübten Unrechts. Es garantirt den Angehörigen 
des Deutschen Reiches die Freiheit der Pre sse, um welche so 
viel und so lange gestritten worden ist, und zwar nicht nur die 
Freiheit "^"^^ f^^^^nir^no^ c^;«^c Ausdrucks und seiner Verbreitung 
durch die Presse, sondern auch die Freiheit des Prefsgewerbes, 
welches alle diejenigen Gewerbe umfafst, welche die Herstellung 
und die Verbreitung literarischer Erzeugnisse zum Gegenstande 
haben. 

Dafs man wenige Jahre später in einer Periode allgemeiner 
Mifsstimmung und rückläufiger Bewegung die Einschränkung, ja 
die Vernichtung eines wichtigen Zweiges des Prefsgewerbes in 



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Deutschland versuchen könnte, hätte damals schwerlich Jemand 
für möglich gehalten. Während die Gewerbeordnung vom 21. Juni 
1869 die Vorschriften der Landesgesetze aufrecht erhalten hatte, 
welche die Entziehung der Befugnifs zum selbständigen Betrieb 
eines Gewerbes durch richterliches Erkenntnifs als Strafe im Falle 
einer durch die Presse begangenen Zuwiderhandlung vorschrieben 
oder zuliefsen, erklärte das Reichsprefsgesetz (§ 4), dafs eine Ent- 
ziehung der Befugnifs zum selbständigen Betriebe irgend eines 
Prefsgewerbes oder sonst zur Herausgabe und zum Vertriebe von 
Druckschriften weder im administrativen, noch im richterlichen 
Wege stattfinden dürfe. Im übrigen wurden für den Betrieb der 
Prefsgewerbe ausdrücklich die Bestimmungen der Gewerbeordnung 
für mafsgebend erklärt. 

Was nun diese letztgedachten Bestimmungen anbetrifft, welche 
zur Zeit noch geltendes Recht sind, so ist nach der Gewerbe- 
ordnung (§ 14) zum stehenden Betrieb eines Prefsgewerbes 
eine besondere behördliche Erlaubnifs nicht erforderlich. Es ge- 
nügt vielmehr, bei dem Beginn des selbständigen Betriebs eines 
stehenden Pressgewerbes die gleichzeitige Anzeige hiervon bei 
der zuständigen Behörde. Aufserdem sind Buch- und Steindrucker, 
Buch- und Kunsthändler, Antiquare, Leihbliothekare;, Inhaber von 
Lesecabinetten, Verkäufer von Druckschriften, Zeitungen und Bil- 
dern verbunden, bei der Eröffnung ihres [Gewerbebetriebes das 
Local desselben, sowie jeden späteren Wechsel des letzteren 
spätestens am Tage seines Eintritts der zuständigen Behörde ihres 
Wohnortes anzugeben. 

Diesem stehende n Prefsgew erbe betrieb st eht dann der flie- 
gende BuchhandePoder der Colportagebuchhandel im 
weiteren Sinne gegenüber, d. h. der Vertrieb von Druck- 
schriften, anderen Schriften und Bildwerken aufserhalb eines be- 
stimmten Geschäftsiocais. Hierbei sind aber, entsprechend den 
Formen, in welchen dieser Gewerbebetrieb aufzutreten pflegt, auch 
nach den Bestimmungen der Gewerbeordnung folgende Unterarten 
des letzteren zu unterscheiden. 

i) Der Colportagebuchhandel im engeren Sinne oder 
der Hausirhandel mit Druckschriften, d. h. der Gewerbebetrieb 
desjenigen, welcher aufserhalb seines Wohnorts, ohne Begründung 
einer gewerblichen Niederlassung und ohne vorgängige Bestellung 
in eigener Person Druckschriften im Umherziehen feilbietet oder 



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Bestellungen auf solche aufsucht, d. h. Abonnenten und Sub- 
scribenten sammelt. Dieser Gewerbebetrieb ist in der Gewerbe. 
Ordnung nicht besser und nicht schlechter gestellt, als der Hausir- 
handel überhaupt. Der Gewerbtreibende bedarf eines Wander- 
gewerbescheins, welcher nur für ein Kalenderjahr ertheilt wird, 
und Reichsangehörigen, welche innerhalb des Reichsgebietes einen 
festen Wohnsitz haben und über 21 Jahre alt sind, nur aus be- 
stimmten Gründen (§ 57), Minderjährigen und Ausländern dagegen 
nach freiem behördlichen Ermessen versagt werden kann. 

2) Der Gewerbebetrieb des Buchhandlungsreisenden. 
Nach der Gewerbeordnung in ihrer dermaligen, Fassung (§44) 
sind Kaufleute, Fabrikanten und andere Personen, welche ein 
stehendes Gewerbe betreiben, befugt, auch aufserhalb des Ortes 
ihrer gewerblichen Niederlassung persönlich oder durch in ihren 
Diensten stehende Reisende Bestellungen auf Waaren zu suchen. 
Dieser Gewerbebetrieb der Handlungsreisenden gilt nicht als Ge- 
werbebetrieb im Umherziehen, sondern wird als Ausflufs des 
stehenden Gewerbes angesehen. Der Reisende ist den ein- 
schränkenden Bestimmungen, welche in Ansehung des Hausir- 
handels gelten, nicht unterworfen und wird zur Hausirsteuer nicht 
herangezogen. Allerdings bedarf er aber eines Legitimations- 
scheins, welcher für das Kalenderjahr gilt, und darf auch von den 
Waaren, auf welche er Bestellungen sucht, nur Proben oder 
Muster mit sich führen. Es kann sonach unter diesen Bedin- 
gungen der Inhaber einer Buchhandlung, mag diese nun eine 
Verlags-, Sortiments- oder Colportagebuchhandlung sein, selbst 
oder durch seine Reisenden Bestellungen auf Literalien, welche 
von ihm verlegt, herausgegeben oder vertrieben werden, auch 
aufserhalb des Ortes seiner gewerblichen Niederlassung suchen 
und Subscribenten und Abonnenten sammeln und sammeln lassen ] 
eine Form des Geschäftsbetriebs, welche bekanntlich bei gröfseren 
Lieferungswerken insbesondere üblich ist. 

3) Der fliegende Buchhandel im engeren Sinne, oder, 
wie die Gewerbeordnung (§ 43) es ausdrückt, der Gewerbebetrieb 
desjenigen, welcher gewerbsmäfsig Druckschriften oder andere 
Schriften oder Bildwerke auf öffentlichen Wegen, Strafsen, Plätzen 
oder an anderen öffentlichen Orten ausruft, verkauft, vertheilt, 
anheftet oder anschlägt. Für einen solchen Gewerbebetrieb ist, 
auch wenn derselbe sich als ein stehender charakterisirt, also am 



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Wohnort des Betrefifenden stattfindet, die Erlaubnifs der Orts- 
polizeibehörde erforderlich, die in Form eines Legitimationsscheins 
ertheilt wird, welchen der Gewerbtreibende bei sich zu führen 
hat. Dieser Legitimationsschein kann nur unter denjenigen Be- 
dingungen versagt werden, unter welchen auch der Legitimations- 
schein zum Gewerbebetrieb im Umherziehen versagt werden 
kann. Als solche Versagungsgründe werden grofsj ährigen und 
sefshaften Reichsangehörigen gegenüber in der Gewerbeordnung 
folgende aufgeführt: Abschreckende oder ansteckende Krankheit, 
Verurtheilung wegen , gewisser strafbaren Handlungen, Stellung 
unter Polizeiaufsicht und übler Leumund wegen gewohnheits- 
mäfsiger Arbeitsscheu, Bettelei, Landstreicherei oder Trunksucht. 

Dies System soll nun nach dem neuesten Product unserer 
deutschen Gewerbenovellistik eine wesentliche Umgestaltung er- 
fahren. Wie uns in den letzten Jahren der rückläufigen Be- 
wegung jedes Jahr eine oder einige Gewerbenovellen und 
-Novellchen gebracht, so hat auch das Jahr 1882 zu der Rück- 
wärtsrevidirung der Gewerbeordnung seinen Beitrag geliefert. Die 
Novelle von 1882, welche bei dem Schlüsse des Jahres die com- 
missarische Berathung noch nicht überstanden hatte, setzt ins- 
besondere bei dem Gewerbebetrieb im Umherziehen die reactio- 
nären Hebel an, und dies Angriffsobject ist allerdings um so 
geeigneter, als sich hier mit dem Grundsatz der Gewerbefreiheit 
ein anderweites Fundamentalprincip der nationalen und der frei- 
heitlichen Entwicklung unseres Vaterlandes vereinigt: die Frei- 
zügigkeit. 

Freilich hat es dem Bundesrath und der Reichsregierung 
an Anregungen zu einem solchen Vorgehen nicht gefehlt. 

Sie kamen vielfach aus den Kreisen der Concurrenten 
des Wandergewerbebetriebes und trugen nicht selten den Stem- 
pel jenes kleinlichen Krämergeistes an sich, der dem Hausir- 
handel die Gleichberechtigung gegenüber dem stehenden Ge- 
werbebetrieb absprechen will, mag auch jener ebenso alt, ja 
vielleicht noch älter sein als dieser. Aber auch von anderer Seite 
her sind derartige Wünsche laut geworden. Kann sich doch die 
Reichsregierung in den Motiven zur Gewerbenovelle vom 
27. April 1882 darauf berufen, dafs von neun hannoverschen 
Handelskammern in einer am 3. Januar 1881 an den Königlich 
preufsischen Handelsminister gerichteten Eingabe der Wunsch 



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ausgesprochen worden sei, das Hausiren mit Druckschriften möge 
gänzlich verboten werden. Ob der Buchhandel in diesen Körper- 
schaften vertreten, ist nicht gesagt. In dem preufsischen Volks- 
wirthschaftsrath , welchem der Gesetzentwurf vorgelegen hat, ist, 
soviel dem Verfasser dieser Abhandlung bekannt, ein Angehöriger 
des Buchhändlerstandes nicht vorhanden. Auch hat man es, wie 
es scheint, nicht für gut befunden, bevor- man dem Colportage- 
buchhandel zu Leibe ging, ein sachverständiges Gutachten aus 
buchhändlerischen Kreisen einzuholen. So hat denn gerade der 
Handel mit Druckschriften im Umherziehen eine ganz besonders 
ungünstige Behandlung in dieser neuesten Gewerbenovelle erfahren, 
und es ist schier verwundersam, was man in einem Culturstaate 
des neunzehnten Jahrhunderts einem wichtigen Factor des geistigen 
Lebens der Nation gegenüber für zulässig und für zweckmäfsig 
gehalten hat. Es läfst sich dies eben nur dadurch erklären, dafs 
man bei Ausarbeitung des Regierungsentwurfs über die Bedeutung 
und über den Umfang des Colportagebuchhandels einigermafsen 
im Unklaren gewesen ist 

Nach diesem Entwurf sollen nämlich folgende Abänderungen 
der Gewerbeordnung statuirt werden: 

I. Der eigentliche Colportagebuchhandel wird zunächst 
all den Beschränkungen unterworfen, welchen der Hausirhandel 
überhaupt künftighin unterliegen soll. Dahin gehören gewisse 
Beschränkungen aus subjectiven Gründen; darunter die merk- 
würdige Bestimmung, dafs der Wandergewerbeschein versagt 
werden soll, Wenn Thatsachen vorliegen, welche die Annahme 
rechtfertigen, dafs der Nachsuchende den Hausirgewerbebetrieb 
zu schwindelhaften Zwecken benutzen werde, oder wenn 
solche Thatsachen vorliegen, durch welche die Annahme gerecht- 
fertigt werde, dafs der Nachsuchende einem liederlichen 
Lebenswandel ergeben sei; wobei aber weder der juristische 
Begriff des Schwindels, noch derjenige des liederlichen Lebens- 
wandels definirt ist. Dahin gehört ferner die von der Commission 
des Reichstags allerdings in Wegfall gebrachte Bestimmung, wo- 
nach der Wandergewerbeschein schon dann hätte versagt werden 
können, wenn gegen den Nachsuchenden wegen einer mit Frei- 
heitsstrafe von mehr als sechs Wochen bedrohten Handlung 
seitens der Staatsanwaltschaft die gerichtliche Klage erhoben, 
also noch nicht einmal eine Verurtheilung erfolgt sein würde. 



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Dahin gehört die vielbesprochene Neuerung, dafs ein Hausirer 
ohne vorgängige Erlaubnifs eine fremde Wohnung nicht mehr 
betreten soll, und die Vorschrift, dafs ein minderjähriger Hausirer 
das Gewerbe nicht mehr ausüben darf, sobald die Sonne sich zur 
Ruhe begeben hat. Bei den Berathungen des Reichsprefsgesetzes 
war man im Gegentheil geneigt gewesen für das Hausiren mit 
Druckschriften gewisse Erleichterungen und begünstigende Aus- 
nahmen von den allgemeinen Vorschriften der Gewerbeordnung 
über den Gewerbebetrieb im Umherziehen zu statuiren. 

Der Regierungsentwurf der Gewerbenovelle geht aber in 
seinen reactionären Mafsregeln gegen die Colportage noch viel 
weiter. 

Er enthält nämlich folgende Bestimmung, welche im wesent- 
lichen einem Verbot des Colportagebuchhandels gleichkommen 
würde (§ 56, Ziff. 10): 

»Ausgeschlossen vom Feilbieten im Umherziehen 
sind Druckschriften, andere Schriften und Bildwerke, mit 
Ausnahme von Bibeln, Bibeltheilen , Schriften und Bild- 
werken patriotischen, religiösen oder erbaulichen Inhalts, 
Schulbüchern, Landkarten und landesüblichen Kalendern.« 

So geschehen im Jahre 1882! 

Dazu ist die weitere Anordnung getroffen, dafs Jeder, der 
von dieser Ausnahme Gebrauch machen will, ein Verzeichnifs 
der Druckschriften, anderen Schriften und Bildwerke, welche er 
mit sich zu führen beabsichtigt, der zuständigen Verwaltungs- 
behörde seines Wohnortes zur Genehmigung vorzulegen ver- 
pflichtet sein soll. Der Gewerbtreibende ist nach dem Entwurf 
ferner verpflichtet, das Verzeichnifs während der Ausübung 
des Gewerbebetriebes bei sich zu führen, auf Erfordern der zu- 
ständigen Behörden oder Beamten vorzuzeigen und, sofern er 
hierzu nicht im Stande ist, auf deren Geheifs den Betrieb bis 
zur Herbeischaffung des Verzeichnisses einzustellen. 

2. Was den Buchhandlungsreisenden anbetrifft, so 
treffen denselben nach der Vorlage alle jene Beschränkungen, 
welche dieselbe dem Stand der Handlungsreisenden zugedacht 
hat. Der Buchhandlungsreisende, gewöhnlich ebenfalls Colporteur 
genannt, wendet sich mit seinen Mustern und Probeheften direct 
an das Lesepublicum , indem er z. B. unter Vorlegung eines 
Probebandes oder einer oder einiger Lieferungen des Brock- 



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haus'schen Conversationslexikons Subscriptionen auf dieses Werk 
entgegen nimmt. Dieser Gewerbebetrieb des Detailreisenden 
wird nun in der Novelle dem Hausirgewerbe völlig gleichgestellt. 
Denn das Aufsuchen von Bestellungen auf Waaren bei Personen, 
in deren Gewerbebetrieb Waaren der angebotenen Art keine 
Verwendung finden, soll als Gewerbebetrieb im Umherziehen 
behandelt und folge weise auch besteuert werden, soweit nicht 
etwa der Bundesrath Ausnahmen für den Umfang des Reiches 
oder gewisse Theile desselben bestimmen sollte. Nun soll aber 
für den buchhändlerischen Hausirhandel nach dem Entwurf das 
oben gedachte Verbot Platz greifen; der Gewerbebetrieb des 
Buchhandlungsreisenden gilt nach dieser Novelle als Hausirhandel 
und unterliegt also folgeweise ebenfalls jenem Verbot, von 
welchem nur zu Gunsten von Bibeln, Bibeltheilen, Schriften und 
Bildwerken patriotischen, religiösen oder erbaulichen Inhalts, 
Schulbüchern, Landkarten und landesüblichen Kalendern eine 
Ausnahme statuirt ist; mit anderen Worten nicht nur der Ver- 
kauf von Büchern, sondern auch das Sammeln von Subscribenten 
und Abonnenten auf literarische Producte im Umherziehen, 
gleichviel ob selbständig oder in Verbindung mit einem stehen- 
den buchhändlerischen Gewerbebetrieb ausgeübt, ist verboten, 
abgesehen von jener ziemlich indifferenten Ausnahmebestimmung. 
3. Damit aber auch der eigentliche fliegende Buch- 
handel bei dieser Revision der Gewerbeordnung im reactio- 
nairen Sinne nicht ganz frei ausgehe, ist in den § 43 ein Zusatz 
aufgenommen, wonach die Erlaubnifs zu dieser Species des 
buchhändlerischen Gewerbebetriebs aus denselben Gründen von 
der Verwaltungsbehörde zurückgenommen werden kann, aus 
welchen die Zurücknahme des Wandergewerbescheines des 
Hausirers, und zwar auch des buchhändlerischen Hausirers oder 
Colporteurs, erfolgen darf, entgegen der Bestimmung im § 4 
des Reichsprefsgesetzes : «Eine Entziehung der Befugnifs zum 
selbständigen Betriebe irgend eines Prefsgewerbes oder 
sonst zur Herausgabe und zum Vertriebe von Druckschriften 
kann weder im administrativen noch im richterlichen Wege 
stattfinden.» Dabei wird in den Motiven ausdrücklich betont, 
dafs noch weiter gehende Forderungen zum Ausdruck gekommen 
seien, welche sich bis zum Verbot des Hausirens mit Druck- 
schriften auch am Wohnorte oder dem Ort der gewerblichen 



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Niederlassung erstreckten, die man aber abzuweisen für gut be- 
funden habe. 

Im Uebrigen ist die Motivirung des Gesetzentwurfes, 
insoweit er sich auf den Colportagebuchhandel bezieht, und 
insbesondere die Begründung des principiellen Verbots desselben 
aufserhalb des Wohnortes oder der geschäftlichen Nieder- 
lassung eine sehr dürftige. An statistischen und sonstigen Er- 
hebungen über Wesen und Bedeutung dieses Prefsgewerbes fehlt- 
es vollständig. Es wird nur gesagt, dafs das Feilbieten von 
Druckschriften, anderen Schriften und Bildwerken im Umher- 
ziehen nach den fast überall gemachten Erfahrungen sehr grelle 
Mifsstände im Gefolge habe; in neuerer Zeit werde namentlich 
die Landbevölkerung mit Vorliebe von den Colportagebuch- 
händlern aufgesucht, welche derselben Lieferungswerke, ins- 
besondere unsittliche Volksromane mit verlockenden Titeln, 
aufzudrängen suchen. «Abgesehen von der vollständigen Werth- 
losigkeit einer , solchen Leetüre und abgesehen von den sitten- 
polizeilichen Bedenken, zu welchen dieselbe nicht selten Anlafs 
giebt, — so heifst es in den Motiven — befafst sich mit diesem 
Colportagebuchhandel eine eigenthümliche Art von Gaunerei, 
welcher man mit den bestehenden Gesetzen nicht entgegen- 
zutreten vermag. Den Abnehmern der Lieferun gs werke werden 
Prämien, z. B. ein neues Kleid, ein Kaffeeservice, mit dem Ver- 
sprechen zugesichert, dafs diese Dinge mit der letzten Lieferung 
zur Aushändigung kommen sollen. Allein diese letzte Lieferung 
erscheint entweder gar nicht oder erst dann, wenn der Sub- 
scribent durch die Preise der vorausgegangenen Lieferungen den 
Werth der Prämie doppelt oder dreifach mit bezahlt hat.» Es 
wird dann in den Motiven auch ein Beispiel angeführt von 
einem Colportagebuchhändler, welcher es verstanden habe, in 
Mittelfranken binnen acht Tagen etwa looo Abonnenten auf 
einen werthlosen Roman zu finden, von dem etwa 20 Lieferungen 
ä 50 Pf. erschienen waren, als das neue Kleid, welches als 
Prämie verheifsen war, noch immer auf sich warten liefs. 

Endlich wird noch in den Motiven in ein Paar Sätzen 
darauf hingewiesen, dafs das Strafgesetzbuch gegen die hausir- 
weise Verbreitung sittenverderblicher Schriften nur einen ge- 
ringen Schutz gewähre, und dafs das Hausiren mit staatsgefähr- 
lichen Schriften auf alle Zeiten, und namentlich auch über die 



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II 

Geltungsdauer des Socialistengesetzes hinaus, verboten bleiben 
müsse. Dabei wird auf eine Notiz in der von dem General- 
secretariat des Deutschen Handelstages bewirkten Zusammen- 
stellung der Jahresberichte der Handelskammern über das deutsche 
Wirthschaftsjahr 1880 Bezug genommen. Hier ist nämlich Klage 
darüber geführt, dafs die vielen Personen, welche sich der 
Colportage widmen, nicht nur das örtliche Geschäft nach den 
verschiedensten Richtungen hin beeinträchtigen, sondern dafs 
dabei auch dem Publicum im Wege dieses fliegenden Detail- 
verkaufs Werke mit lasciver Tendenz zu Schleuderpreisen in die 
Hände gespielt würden. 

Dies ist die Begründung eines in das geistige wie in das 
wirthschaftliche Leben der Nation tief einschneidenden Gesetzes- 
vorschlages. Man könnte, wenn man die verschiedenen Kategorien 
von Schrift- und Bildwerken ins Auge fafst, welche hier bezeichnet 
sind, vielleicht zu dem Resultat gelangen, dafs gegen den Ver- 
trieb dieser bedenkHchen und schädlichen literarischen Producte 
und gegen die dabei vorkommenden betrügerischen Manipulationen 
legislatorisch vorzugehen sei; aber mufs man denn, um diese 
wenig erfreulichen Auswüchse zu beseitigen, gleich den ganzen 
Baum fällen? Der Weg, welchen der Regierungsentwurf ein- 
schlägt, indem er die gesammte Colportage, abgesehen von 
Bibeln, Bibeltheilen, patriotischen, rehgiösen und erbaulichen 
Schriften, Schulbüchern, Landkarten und landesüblichen Kalendern, 
einfach verbietet, gleicht jenen Radicalkuren des weiland Doctor 
Eisenbart, der, um seinen unglücklichen Patienten von einem 
hohlen Zahn zu befreien, ihm sämmtliche Zähne ausrifs und sich 
dann den hohlen heraussuchte. 

Aber bleiben wir zunächst einmal bei jenen Auswüchsen 
stehen, um derentwillen dem Colportagebuchhandel der Todes- 
stofs versetzt werden soll, also zunächst bei dem Colportage- 
roman, d. h. dem sog. Schauerroman mit lasciver Tendenz. 
Welcher gebildete Mensch, dem das Wohl des Volkes am 
Herzen liegt, möchte wohl dieser Sorte von Buchmacherei das 
Wort reden ? Die Angehörigen des deutschen Buchhändler- 
standes protestiren in ihrer überwiegenden Mehrheit gegen 
diese Sorte von Volksroman, der Verein der Buchhändler in 
Leipzig bezeichnet in einer an den Reichstag gerichteten Petition 
diesen Zweig unserer Literatur als einen dem deutschen Buch- 



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12 

handel zur Unehre gereichenden, und ein Hauptvertreter des 
Colportagebuchhandels, der Herausgeber von «Bolm's Börsen- 
blatt für den Sortiments-, Colportage- und Eisenbahnbuchhandel«, 
August Bolm in Berlin, hat sich die Bekämpfung des Colportage- 
romans gewissermafsen zu einer Lebensaufgabe gemacht. 

Der Colportageroman ist eine traurige Erscheinung im Cultur- 
leben der Gegenwart. Er brandschatzt das Lesebedürfnifs der 
ärmeren Klassen im Vertrauen auf das mangelnde Urtheil 
des Lesepublikums, für welches er berechnet ist, und welches 
der speculative Herausgeber durch marktschreierische Titel zu 
ködern weifs. «Der Carneval zu Köln oder Gold und Ehre» 
von Dr. Strusberg, «Der Rächer der Nacht», «Der Graf von 
Steinfels oder der Frauenmörder», «Die Lasterhöhlen der Pro- 
stitution und ihre Genossen», «Der geheimnifsvoUe Schleich- 
händler», «Der Wüstling oder das Opfer der Unschuld», «Die 
schöne Venetianerin», «Rebekka, die schöne Jüdin oder Judenhafs 
und Christenliebe», Roman aus der Gegenwart von Dr. Strusberg 
(Leipz. F. E. Fischer), «Die schöne Lilias» — das sind eine An- 
zahl solcher Titel. Freilich versprechen diese Titel in der Regel 
mehr, als wie die Bücher halten. Wer sich einihal die Mühe 
genommen hat, einige solcher Schauerromane durchzusehen, 
wird gewifs zugeben müssen, dafs die Hauptversündigung des 
Verfassers und des Verbreiters solcher Machwerke mehr in der 
bodenlosen Langweiligkeit und Plattheit derselben, als in ihrer 
Unsittlichkeit zu suchen ist. Die meisten dieser Schriften sind 
Ideale der Geschmacklosigkeit Die Prostitution der Feder im 
Dienste der traurigsten Speculation wird niemals über das Niveau 
der Trivialität hinausreichen. 

Manche Colportageromane sind Nachbildungen französischer 
Romane, welche «für das Volk» bearbeitet sind und den ärmeren 
Bevölkerungsklassen lieferungsweise zugeführt werden. Auch für 
diese Leetüre will der Verfasser dieser Abhandlung keine Lanze 
brechen. Aber bemerkenswerth ist es immerhin, dafs die Ori- 
ginalien dieser schlechten Copien der Dame aus den höheren 
Ständen jeder Zeit zugänglich bleiben, während man die Moralität 
der armen Nätherin, des kleinen Handwerkers oder Landwirths 
so ängstlich zu wahren sucht. In dem eleganten Boudoir finden 
die Schriften von Emile Zola einen Ehrenplatz; in der Hütte des 
Arbeiters ist der Schund- und Schauerroman verpönt 



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13 

Uebrigens sollte man doch nicht vergessen, dafs gegen die 
Colportage unzüchtiger Schriften schon jetzt auf Grund des 
Strafgesetzbuches (§ 1 84) in nachdrücklichster Weise vorgegangen 
werden kann. Denn hier wird derjenige, welcher unzüchtige 
Schriften, Abbildungen oder Darstellungen verkauft, vertheilt 
oder sonst verbreitet, oder an Orten, welche dem Publikum zu- 
gänglich sind, ausstellt oder anschlägt, mit Geldstrafe bis zu 
200 Mark odef mit Gefängnifs bis zu 6 Monaten bestraft Aber 
es mag zugegeben werden, dafs eine Verschärfung dieser Be- 
stimmung dem Colportagebuchhandel gegenüber nicht unangenehm 
wäre, dafs man alle unsittlichen Schriften von diesem Gewerbe- 
betrieb ausschliefsen sollte; denn nicht alles Unsittliche ist auch 
unzüchtig im Sinne des Strafgesetzbuches. Das beste Correctiv 
gegen diese Schundlitteratur der Colportage ist im Colportage- 
buchhandel selbst gegeben, nämlich in der Verbreitung guter 
Schriften, welche eine anregende Leetüre darbieten und bildend 
und veredelnd auf den Leser einwirken. 

In diesem Sinne hiefs es unlängst in einem Artikel des 
Magazins für die Litteratur des Irf- und Auslandes, nachdem 
einige der neuesten Blüthen der Colportageroman - Litteratur und 
ihre Preise auf Grund der bis jetzt erschienenen Lieferungen an- 
gegeben worden waren, folgendermafsen : «Von keinem dieser 
Schauerromane, mit denen unsere ärmeren und ungebildeteren 
Mitmenschen heimgesucht werden, ist das Ende für's Erste abzu- 
sehen. Irgend eine arme Nätherin oder ein lesebegieriger kleiner 
Handwerker hat also z. B. für die «Königin der Nacht» bis jetzt 
5,40 Mk. ausgegeben, für den «GeheimnifsvoUen Schleichhändler» 
bis jetzt 7,20 Mk., für den « Sonnenwirth » sogar die horrende 
Summe von 17,60 Mk.! Es ist rein zum Weinen, wenn man 
bedenkt, dafs unsere um ihr schwer erarbeitetes Geld gebrachten 
ärmeren Mitbürger für die genannten Summen eine ganze Biblio- 
thek guter Leetüre haben könnten. Die Colportage guter billiger 
Litteratur — das ist die einzige wirksame Rettung vor dem 
geistigen Ruin weitester Volkskreise!« Vielleicht hat der Ver- 
fasser dieses Artikels etwas zu schwarz gesehen. Der Schreiber 
dieser Abhandlung glaubt wenigstens einen Rückgang des Col- 
portageromans und seiner Verbreitung constatiren zu können. 
Dieser Zweig des Prefsgewerbes stand vor einigen Jahren in viel 
reichlicherer Blüthe als jetzt. Damit stimmt auch das Urtheil des 



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14 

Fachmannes August Bolm überein, und es ist zu bedauern, dafs 
die Reichsregierung über diese Frage keine genaueren Erhebungen, 
gewissermafsen eine Enquete, veranlafst hat. Wenigstens ent- 
halten die Motive zur Gewerbenovelle nichts davon. Aber unter 
allen Umständen kann doch dieser Unfug nicht zu einer Unter- 
drückung der Colportage veranlassen. Oder sollen wir um 
jener Schundlitteratur willen die herrlichen Geistesproducte unserer 
Klassiker weiten Kreisen der Nation verschlieföen , anstatt sie 
mehr und mehr Gemeingut derselben werden zu lassen? 

Wie aber das Vorhandensein eines Mifsstandes in Ansehung 
des Colportageromans der gewöhnlichen Sorte und seines trost- 
losen Inhaltes keineswegs geleugnet werden kann und soll, so 
wird man auch ferner zugeben müssen, dafs die Motive Recht 
haben, wenn sie von dem Schwindel sprechen, welcher vielfach 
mit diesem Prefsgewerbe in der Form von Prämienvertheilung 
oder -Verheifsung und von V erloosungen , welche damit ver- 
bunden zu werden pflegen, getrieben wird. Nicht nur neue 
Kleider werden den treuherzigen Subscribenten verheifsen, son- 
dern auch Kaffeeservices, Spiegel, Brochen, Stutzuhren, Tisch- 
decken, Bettvorlagen, Canapees und Kissinger Kirchenbauloose 
kommen als Prämien und als Anköderungsmittel vor. Auch 
gegen dieses zum mindesten unsolide Treiben wird sich der 
eifrigste Vertheidiger der Freiheit der Presse und der Prefsgewerbe 
erklären können, namentlich wenn es sich um Prämien handelt, 
die dem Buch- oder Kunsthandel nicht angehören, so dafs ein 
eigentliches Prefsgewerbe dabei gar nicht in Frage steht. 

Mit dieser Sorte von Geschäftsbetrieb hat auch der Kern des 
hochachtbaren deutschen Buchhändlerstandes keine Gemeinschaft. 

Als vor einigen Jahren der Verleger von «Pierer's Conversations- 
lexikon» auf die Idee verfiel, seinem Werke durch eine damit in 
Verbindung gebrachte Lotterie eine gröfsere Zugkraft zu ver- 
leihen, legte der Börsenverein der deutschen Buchhändler gegen 
dies Vorhaben Verwahrung ein, und die Lotterie wurde inhibirt. 
Tritt zudem diese Art von Schwindel in solcher Weise auf, dass 
der strafrechtliche Begriff des Betruges vorliegt, so bietet das 
Strafgesetzbuch in der That eine wirksame Handhabe zu einem 
nachdrücklichen Entgegenwirken. Der « Bildungsverein » hat z. B. 
von einem Fall berichtet, in welchem Leute sich wegen Ein- 



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treibung solcher «Dummheitssteuern» in einer Zelle ohne Pendeluhr 
und Canapee behelfen mufsten, nachdem sie andere Leute ver- 
geblich auf das verheifsene Canapee und auf die Pendeluhr 
hatten warten lassen. 

Aber rechtfertigt denn vielleicht dieses schwindelhafte Ge- 
bahren die Vernichtung des gesammten Colportagebuchhandels r 
Die Handels- und Gewerbekammer in Stuttgart hat ganz Recht, 
wenn sie in ihrer an den Reichstag gerichteten Petition bemerkt : 
«Wäre dieser Grund ausreichend, so könnte man jedes beliebige 
Gewerbe unter verschärfte Controle stellen.» «Jeder Gebrauch 
einer Sache ermöglicht bekanntlich auch einen Mifsbrauch der- 
selben. Man könnte eben so gut die ganze Prefsfreiheit be- 
seitigen; denn niemand wird leugnen können, dafs dieselbe 
nicht selten gemifsbraucht wird. 

Aber es mag sein, dafs in dem vorliegenden Falle der 
Schutz, welchen sich der Einzelne im Wege der Selbsthülfe 
verschaffen kann, ebensowenig, wie die Strafsatzungen der 
Kriminalgesetzgebung ausreichen. Wir meinen, dafs es besonders 
Sache der Vereine, namentlich der Bildungs-, Gewerbe-, Gewerk- 
vereine u. dergl., aber ebenso die Sache wohlwollender Arbeit- 
geber wäre, auf die Nachtheile und Mängel jener Ausartung der 
Colportagelitteratur und ihres Vertriebes aufmerksam zu machen 
und diesem schädlichen Treiben entgegenzuwirken. Jedenfalls 
geht aber die Regierungsvorlage weit über das Ziel hinaus; wenn 
man auch mit der Tendenz derselben, insoweit sie gegen einen 
illegitimen und unsoliden Gewerbebetrieb gerichtet ist, einver- 
standen sein kann. 

Nicht so einfach liegt die Sache in Ansehung der staats- 
ge fährlichen Schriften, welche die Regierungsvorlage «auf alle 
Zeiten und über die Geltungsdauer des Sozialistengesetzes hinaus » 
von dem Hausirhandel ausgeschlossen wissen will. Nicht als 
ob man dem Staat das Recht absprechen könnte, gegen Schriften, 
welche seine Existenz gefährden, und gegen ihre Verfasser und 
Verbreiter einzuschreiten ! Der Staat hat sicherlich nicht nur das 
Recht, sondern auch die Pflicht der Selbsterhaltung, und eine 
stäatsgefährliche Schrift in diesem Sinne soll nicht blofs im 
Hausirhandel, sondern überhaupt verpönt sein. Aber wie ist 
der Begriff der Staatsgefährlichkeit objektiv festzustellen? Wird 



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, i6 

man nicht in diesem Falle bei den allgemeinen Strafbestimmungen 
stehen bleiben müssen? Und sollten diese in der That zur 
strafrechtlichen Verfolgung staatsgefährlicher Schriften und zur 
Unterdrückung derselben keine genügende Handhabe darbieten? 

In dieser Hinsicht ist, abgesehen von anderen Verbrechen 
und Vergehen, welche durch die Presse begangen werden können, 
namentlich an den § 85 des Reichsstrafgesetzbuchs zu erinnern, 
welcher denjenigen, der durch Verbreitung oder öffentlichen An- 
schlag oder öffentliche Ausstellung von Schriften oder anderen 
Darstellungen zur Ausführung einer hochverrätherischen Handlung 
auffordert, mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren oder Festungshaft 
von gleicher Dauer bedroht. Hierher gehört auch die weitere 
Bestimmung des Strafgesetzbuchs (§ iio), wonach denjenigen, 
welcher durch Verbreitung von Schriften oder anderen Dar- 
stellungen zum Ungehorsam gegen die Gesetze oder rechtsgültigen 
Verordnnngen oder gegen die von der Obrigkeit innerhalb ihrer 
Zuständigkeit getroffenen Anordnungen auffordert, Geldstrafe bis 
zu 600 Mk. oder Gefängnifsstrafe bis zu zwei Jahren treffen soll. 
Auch die Bestimmungen des Strafgesetzbuchs über die Be- 
leidigung und Verläumdung, sowie die Vorschriften des § 130 
werden hierbei zu berücksichtigen sein, wonach die letztgedachte 
Strafe auch demjenigen angedroht ist, der in einer den öffent- 
lichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der 
Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander qffentlich 
anreizt. In solchen Fällen gestattet das Reichsprefsgesetz auch 
eine Beschlagnahme von Druckschriften ohne richterliche Anord- 
nung, und somit gewährt die dermalen bestehende Gesetzgebung 
schon einen wirksamen Schutz gegen die Verbreitung solcher 
Schriften im Wege des Hausirhandels. Man braucht des- 
halb nicht zu dem Radicalmittel der Vorlage zu greifen, und 
wird somit die Ansicht nicht billigen können, welche in den 
Motiven (S. 45) ausgesprochen, dafs nämlich das Verbot des 
Hausirens mit Druckschriften «das geringere von zwei Uebeln» 
ist, «insofern das Verbot des Hausirens mit Druckschriften ein 
Uebel ist». 

Der Colportagebuchhandel ist vielmehr nach der Auffassung 
derjenigen, welche seinen Umfang und seine Bedeutung erkannt 
haben, eine buchhändlerische Grofsmacht, unter deren Flagge 
allerdings auch manche Contrebande segelt Friedrich Kapp er- 



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17 

zählte auf, dem volkswirthschaftlichen Congress in Mannheim, 
dafs er jemandem aus den Regierungskreisen sein Erstaunen über 
die Leichtigkeit ausgesprochen, mit welcher die Reichsregierung 
diesen Gesetzentwurf gemacht habe; er habe da zur Antwort er- 
halten: «es handele sich ja nur um ein paar dumme Schauder- 
romane oder Erzählungen, um einige unsittliche Uebersetzungen 
aus dem Französischen u. s. w.» 

Nun der vorliegende Gesetzentwurf hat wenigstens das Ver- 
dienst, auch weitere Kreise über das Wesen des Colportage- 
buchhandels mittelbar aufgeklärt zu haben. 

Mit seltener Einmüthigkeit hat sich der deutsche ßuchhändler- 
stand gegen die betreffenden Bestimmungen des Gesetzentwurfs 
ausgesprochen. In ausführlichen Petitionen legten der Verein 
der Buchhändler zu Leipzig und der Börsenverein der deutschen 
Buchhändler die Bedeutung dieses Pressgewerbes dar, die Handels- 
und Gewerbekammer in Stuttgart, dem Sitz der grofsen Verlags- 
firmen von Cotta, Engelhorn, Schönlein, Spemann, Kröner und 
Hallberger (Deutsche Verlagsanstalt), und die vereinigten Verlags- 
und Sortimentsbuchhändler, Buchdruckereibesitzer und Buch- 
binder zu Reutlingen, dem Verlagsort der bekannten Volksbücher, 
protestirten gegen dies Vorgehen der Reichsregierung, indem 
z. B. in der Petition der letzteren Folgendes erklärt wurde: «Die 
Motive sind von einer Dürftigkeit, die jeden auch nur einiger- 
mafsen Sachkundigen befremden müssen. Wir sind die Letzten, 
die derartige, in den Motiven gerügte Auswüchse vertheidigen 
oder gar conservirt wissen wollten ; aber kann denn das Bestehen 
solcher Auswüchse gleichzeitig auch dazu berechtigen, die durch 
das Gesetz garantirte Gewerbefreiheit für tausende von Geschäften, 
die mit solchen schmutzigen Manipulationen nichts zu thun haben, 
aufzuheben, die von und durch Colportage grofs gewordenen 
und blühenden Verlagsfirmen zu ruiniren?» 

In demselben Sinne haben sich auch andere Genossen- 
schaften und Corpora tionen deutscher Buchhändler in Petitionen 
an den Reichstag und in Resolutionen auf ihren Verbandstagen 
ausgesprochen, so z. B. die Generalversammlung des Vereins 
süddeutscher Buchhändler in Stuttgart und die Corporation der 
Berliner Buchhändler in ihrer Hauptversammlung am 19. October 
1882. Alle diese Kundgebungen stimmen darin überein, dafs 
hier nicht blofs der Colportagebuchhandel selbst, sondern der 



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i8 

gesammte deutsche Buchhandel angegriffen sei, dafs es sich aber 
auch zugleich um die geistige Nahrung der Nation handele, 
welche durch die Regierungsvorlage beeinträchtigt werden solle. 

Um nun namentlich letzteres ermessen zu können, müssen 
wir einen Blick in die Tasche des Colporteurs und in das Packet 
des Buchhandlungsreisenden werfen. 

Welche Summe von Bildungsmitteln ist da nicht zunächst in 
den Zeitschriften belehrender und unterhaltender Natur enthalten, 
welche ihren grofsen Absatz zu einem nicht geringen Theil im 
Wege des Colportagebuchhandels finden und mehr oder weniger 
auf denselben angewiesen sind! Dies tägliche Brod auf dem 
Tisch der deutschen Familie kann nur dann in wirklich nahrhafter 
und vortrefflicher Weise zubereitet werden, wenn dies dem Ver- 
leger durch ein grofses Budget ermöglicht wird, und dazu ist der 
Massenabsatz im Wege der Colportage unerläfslich. Solche 
■ Unterhaltungs- und Familienblätter müssen durch beständigen 
und anstrengenden Colportagebetrieb, wie es in der Petition der 
Stuttgarter Handels- und Gewerbekammer heifst, «flott erhalten 
und können ohne ihn nicht abgesetzt werden; diese zahlreichen 
illustrirten und nicht illustrirten Zeitschriften werden namentlich 
je mit der ersten Nummer der neuen Jahrgänge in gewichtigster 
Weise durch die Colporteure neu verbreitet.» Jene grofsen 
Unternehmungen, wie die «Gartenlaube», «Ueber Land und Meer», 
«Daheim», zählen ihre Abonnenten nach Tausenden und Hundert- 
tausenden und ihre Leser nach Millionen, und so wird dem Volke 
in dieser billigen und gefälligen Form eine unerschöpfliche Quelle 
von Belehrung und Bildung dargeboten. Dahin gehören, um 
wenigstens noch einige Beispiele anzuführen, auch die «Neue Welt», 
die «Illustrirte Chronik der Zeit», «Das Buch für Alle», die vortreff- 
liche Spemann'sche Zeitschrift «Vom Fels zum Meer» und manche 
andere verdienstvolle Zeitschrift. Was hat allein die «Garten- 
laube » für die Bildung und Aufklärung des Volkes in freisinniger 
Weise gewirkt, und was wollen einem Unternehmen von dieser 
Bedeutung gegenüber jene Sudel- und Schandschriften, von denen 
oben die Rede war, besagen! 

Dazu kommen nun ferner die encyklopädischen und populär- 
wissenschaftlichen Werke, wie die grofsen Conversationslexika 
von Brockhaus und Meyer, welche, den Inhalt einer ganzen 
Bibliothek repräsentirend , für die Volksbildung in der That von 



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19 

der allergröfsten Wichtigkeit sind. Das Meyer'sche Conversations- 
lexikon (Leipz. Bibliographisches Institut), welches in seiner 
zweiten Auflage in 63 500 und in der dritten in 145 cxx) Exemplaren 
verbreitet ist, verdankt nach des Verlegers und Herausgebers 
eigener Angabe diesen colossalen Absatz zu V3 [^^^ Colportage. 
Wohl wenig Werke haben so wie dieses die Volksbelehrung bis 
in die äufserste Peripherie der Leserkreise getragen. Das 
lieferungsweise Erscheinen desselben ermöglichte auch wenig Be- 
mittelten die Anschaffung dieses Werkes, und die Colportage 
war es, welche nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den 
Städten demselben immer neue Subscribenten zuführte. 

Es ist nicht uninteressant, den Aufzeichnungen des Verlegers 
folgend, den Colportageabsatz des Meyer'schen Conversations- 
lexikons welches, wie kein anderes in gleichem Umfang, in den 
letzten zehn Jahren in die Massen des Volkes eingedrungen ist, nach 
der Berufsstellung der Käufer zu classificiren. Derselbe vertheilt sich 
in folgender Weise auf folgende Berufsstände : 20 pCt. Verkehrs, 
beamte, 17 pCt. Kaufleute, 15 pCt. Militairs, 13 pCt. Lehrer, 9 pCt 
Bau- und technische Gewerbe, 6 pCt. Verwaltungsbeamte, 5 pCt. 
Gutsbesitzer, 3 pCt. Justizbeamte, 3 pCt Künstler, 3 pCt. Privatleute 
(Rentiers), 2 pCt. Wirthe, i V2 pCt. Aerzte, i V2 pCt Studenten 
und I pCt. Rechtsanwälte. Andere Werke ähnlicher Tendenz 
haben sich, wenn auch nicht eines gleich grofsen, doch eines 
ebenfalls sehr bedeutenden Absatzes zu erfreuen, welcher zumeist 
auf die Colportage zurück zu führen ist. Man denke z. B. an Spamer's 
«Neues Buch der Erfindungen», an cBrehm's Thierleben» (Leipz., 
Bibliograph. Institut), an Bock's «Buch vom gesunden und kranken 
Menschen» (Leipz., Ernst KeiPs Verlag), einen besonders be- 
liebten Colportageartikel, an Cotta's «Bibliothek der Weltlitteratur», 
an die Reclam'sche «Universalbibliothek», an die bei Hallberger 
(jetzt Deutsche Verlagsanstalt) erscheinenden «Illustrirten Romane 
aller Nationen», an die «Bibliothek der Unterhaltung und des 
Wissens » (Stuttg., Hermann Schönlein) und die illustrirten Monats, 
hefte «Aus allen Welttheilen» (Leipz., Oswald Mutze) u. s. w. 

Aber nicht nur populär-wissenschaftliche und Unterhaltungs- 
litteratur bildet den Gegenstand des Colportagebuchhandels. Auch 
die Werke unserer Klassiker finden auf diesem Wege Ver- 
breitung und dringen auf demselben mehr und mehr in das Volk 
ein, seitdem der Verlag derselben freigegeben und ihre Anschaffung 



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20 

durch die billigen Volksausgaben jedermann ermöglicht ist. 
Uebrigens hat der Verfasser dieser Abhandlung auch die Hall- 
berger'sche Prachtausgabe von Schiller's Werken wiederholt bei 
Colporteuren gefunden. Auch der trefflichen Collection «Spemann» 
mufs hier gedacht werden, welche das Problem, billige Bücher, 
wie es im Auslande geschieht, mit dem besten Inhalt und der 
vorzüglichsten Ausstattung zu liefern, nach des Herausgebers 
eigener Versicherung ohne Colportage nun und nimmermehr 
hätte lösen können. Dazu kommen jene prächtigen Volksbücher 
eines Hebel, eines Hesekiel, eines Berthold Auerbach, dann zahl- 
reiche landwirthschaftliche Werke und die neuerdings viel ver- 
breiteten populären Darstellungen einzelner Partieen der Rechts- 
wissenschaft, der Gesetzgebung und der Vqlkswirthschaftslehre. 

Aber auch an den Fachmann tritt der Colporteur und der 
Buchhandlungsreisende heran. Muspratfs theoretisch - praktische 
und analytische Chemie (Breslau, Aderholz'sche Buchhdl., ä Lief 
I Mk. 20 Pf, compl. 260 Mk. 40 Pf), Ziemssen's grofses Handbuch 
der speciellen Pathologie und Therapie (Leipz., F. C. W. Vogel, 
compl. 302 Mk.), das grofse Generalstabswerk und ähnliche 
litterarische Unternehmungen verdanken der Colportage grofse 
Erfolge. Ueberhaupt betrachtet der Colporteur seine Thätigkeit 
mit dem Absatz eines bestimmten Werkes, vielleicht eines Con- 
versationslexikons, keineswegs als beendet. Er sieht in seinen 
Subscribenten gewissermafsen seine Gemeinde. Ist das eine Werk 
ausgeliefert, so bringt er gröfsere Werke der Geschichte, der 
Naturkunde oder der Geographie nach, oder er fafst die litterarischen 
Bedürfnisse seines Kunden in's Auge, soweit Beruf, Liebhaberei, 
persönliches Interesse und persönliche Neigung dabei in Frage 
kommen, und macht dementsprechende Bücherangebote. So 
kommt sein Abnehmer dazu, dies oder jenes Werk sich anzu- 
schaffen, welches er aufserdem vielleicht nie in die Hand be- 
kommen hätte. 

Dies gilt namentlich auch von den Fachzeitschriften, ins- 
besondere von den Zeitschriften technischer Art, wie Spemann's 
«Deutsches Malerjournah, «Die Bauhütte» u. dergl. Die gegen- 
wärtige kunstgewerbliche Reformbewegung ist durch die Col- 
portage wesentlich gefördert worden, und es ist im Interesse der 
ersteren dringend wünschenswerth, dass dieser Litteraturzweig 
möglichst gepflegt, und dafs seine Früchte durch den Colporteur 



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21 

in die Werkstätten und in das Heim des Kunsthandwerkers mehr 
und mehr hineingetragen werden, der nur selten sie aus eigenem 
Antriebe aufsuchen würde. 

Auch einer Reihe von Werken ist zu gedenken, welche 
einer Verschmelzung vori Litteratur und Kunst ihre Entstehung 
verdanken, der Prachtwerke nämlich, mit welcher der moderne 
Salon und das elegante Boudoir sich schmücken. Scherr's «Ger- 
mania», Falke's «Hellas und Rom», Dore's Prachtbibel, Engel- 
horn's «Italien und Schweizerland» haben im Wege der Colportage 
und durch den Buchhandlungsreisenden namhafte Förderung und 
Verbreitung gefunden. Allerdings wird man einer Ueberproduction 
auf diesem Gebiete das Wort nicht reden dürfen; aber haben 
nicht zahlreiche Menschen sich schon an diesen herrlichen 
Leistungen deutschen Kunstfleifses erfreut und gebildet, und hat 
nicht die deutsche Kunstindustrie auf diesem Gebiete in den letzten 
Jahren die bedeutendsten technischen Fortschritte gemacht? Und* 
was sollen wir endlich von den Bilderbüchern für unsere Kleinen, 
von den Jugendschriften und von den Kalendern sagen, die viel- 
fach nur durch den Colporteur selbst in den entlegensten Ort 
gelangen? Der leichten Waare der Briefsteller, Liederbücher, 
humoristischen Broschüren, Kochbücher, Bücher mit Polterabend - 
scherzen, Declamationsbücher, und wie sich alle diese Opera 
harmlosen Charakters und willkommenen Inhaltes nennen mögen, 
soll wenigstens beiläufig gedacht sein. 

Der Verfasser hat in letzterer Zeit wiederholt Verzeichnisse 
der Litteralien angefertigt, welche sich bei den einzelnen Col- 
porteuren vorfanden, mit welchen ihn seine Thätigkeit als Ver- 
waltungsbeamter zusammenführte. Vor wenigen Wochen traf er 
z. B. einen Colporteur in einem kleinen Dorfe in Thüringen bei 
einem Kunden desselben an und fand bei diesem Colporteur fol- 
gende Drucksachen vor: Corvin «Geschichte der Neuzeit»; die 
»Wechselstempeltabelle»; die «Arbeitsschule für Mädchen»; «All- 
gemeiner Briefsteller » ; « Die schöne Lilias » ; « Der deutsche Rechts- 
anwalt»; «Malerische Länder- und Völkerkunde»; «Die Stumme 
von Portici»; «Der Rächer der Nacht»; «Die Gewerbeordnung 
für das Deutsche Reich»; «Die Schildbürger»; «Meyer's Hand- 
lexikon des allgemeinen Wissens»; «Der Graf von Steinfels oder 
der Frauenmörder»; «Die illustrirte Welt»; der «Lahrer hinkende 
Bote» ; verschiedene andere Kalender; «Die Wunder des Himmels» ; 



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22 

eine Anzahl Volkserzählungen; «Das neue Gesetz- und Rechts- 
buch»; Herbert «Louis Napoleon»; «Fra Diavolo»; das «Straf- 
gesetzbuch für das Deutsche Reich»; die «Bibliothek der Unter- 
haltung und des Wissens » ; « Die schöne Magelone » ; « Die Garten- 
laube»; «Die Perle des Südens»; «Die Lehre vom Hufbeschlag»; 
«Der Wüstling oder das Opfer der Unschuld»; Bock's «Buch vom 
gesunden und kranken Menschen»; das «Buch der Toaste»; die 
«Kriminalzeitung»; «Der Declamator»; die «Chronik der Zeit»? 
die Karte von Thüringen; «Der Wetterprophet-»; «Die heilige 
Notburga, ein Vorbild für weibliche Dienstboten», und verschiedene 
illustrirte Volksbücher. 

Man sieht aus diesem Beispiel, wie der buchhändlerische 
Hausirer dem Grundsatze Rechnung trägt: «Wer Vieles bringt, 
wird Jedem etwas bringen.» Der Buchhandlungsreisende con- 
centrirt sich mehr auf ein oder auf einige gröfsere Lieferungs- 
werke, von denen er die erste oder einige Lieferungen mit sich 
führt Welchen Umfang die Colportage in Deutschland ge- 
wonnen hat, zeigt die Thatsache, dafs nach dem Mefskatalog 
des Frühjahres 1882 von 5686 deutschen Buchhandlungen 1079 
Colportagebuchhandlungen waren, von denen allein auf Württem- 
berg über 100 entfielen. Dazu kommen nun noch die zahl- 
reichen Colporteure, welche, in Verbindung mit sefshaften Buch- 
händlern stehend, die Bedürfnisse des Lesepublicums im Wege 
selbständigen Gewerbebetriebes im Umherziehen zu befriedigen 
suchen. Es bedarf keiner näheren Ausführung, wie viele 
Existenzen durch eine Unterdrückung des Colportagebuchhandels 
gefährdet werden würden. 

Aber nicht darin, dafs eine grofse Anzahl von Colporteuren 
um ihr wahrlich sauer genug verdientes Brot gebracht, nicht 
darin, dafs eine grofse Reihe von Colportagebuchhandlungen 
mit einem blühenden und vollständig legitimen Geschäftsbetrieb 
lahm gelegt, und auch nicht darin, dafs die ersten und be- 
deutendsten Verlagsfirmen Deutschlands in der empfindlichsten 
Weise geschädigt werden würden, wäre der hauptsächlichste 
Nachtheil einer solchen Mafsregel des Gesetzgebers zu suchen. 
Die wirthschaftlichen Nachtheile würden vielmehr aufserdem 
ganze Klassen des arbeitenden Volkes treffen, welche an der 
grofsartigen nationalen Arbeit, welche hier in Frage steht, be- 
theiligt sind. Wie viel Schriftsteller und Künstler, Lithographen 



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23 

und Xylographen, Schriftsetzer und Drucker, Schriftgiefser und 
Papierfabrikanten, Buchbinder, lUuminateure und Vergolder sind 
hierbei in Mitleidenschaft gezogen! Wahrlich, es ist merk- 
würdig, wie in einer Zeit, welch'e den Schutz der nationalen 
Arbeit zu einem viel gemifsbrauchten Schlagwort gemacht hat, 
solche Gedanken reifen konnten ! Welche Summen würden dem 
deutschen Arbeitsmarkt entzogen, wie viel tüchtige Kräfte aufser 
Thätigkeit gesetzt werden, wenn jener Gesetzentwurf zum Gesetz 
werden würde! Jene grofsen literarischen Unternehmungen, wie 
die Gartenlaube, Brockhaus und Meyer's Conversationslexikon, 
arbeiten mit jährlichen Budgets, wie sie manches deutsche 
Fürstenthum nicht aufzuweisen hat. In dem neuen Werke 
«Brehm's Thierleben» ist an Ausgaben für Schriftsteller und 
Künstler und für technische und stoffliche Herstellung eine 
Summe von über zwei Millionen Mark, angelegt; eine Ausgabe, 
welche, wie der Verleger dem Verfasser dieser Abhandlung er- 
klärte, ohne die Colportage der buchhändlerischen Production 
gänzlich entzogen geblieben wäre, da ohne jenes Vertriebs- 
mittel das Werk gar nicht ausführbar gewesen. 

In einer Petition, welche neuerdings von dem Börsenverein 
der deutschen Buchhändler an den Reichstag gerichtet worden, 
ist auf die Cotta'sche « Bibliothek der Weltliteratur » Bezug 
genommen, als ein Unternehmen, welches etwa zwei Drittel 
seiner Subscribenten durch die Colportage gewonnen habe und 
nur durch diese ermöglicht worden sei; dies Werk habe zur 
Herstellung der ersten Auflage der ersten Serie u. A. einen 
Verbrauch von 500000 Mark für Papier, 30000 Mark für 
Stereotypie etc., 250000 Mark für Satz nnd Druck und von 
570000 Mark für Einbände erfordert. An dem letzteren Posten, 
so wird in jenem Actenstück ausgeführt, participiren beispiels- 
weise neben den Buchbindern die Leinwandfabrikanten, welche 
die Leinwand für die Einbände liefern, an dem Umsatz der 
letzteren wieder die Farbfabrikanten, welche die Farben für die 
Leinwand produciren, und so sind hunderte von Arbeitern mit 
der Herstellung eines einzigen buchhändlerischen Unternehmens 
beschäftigt. 

Bei dieser ganz enormen Bedeutung des Colportagebuch- 
handels für die Consumenten sowohl wie für die Producenten 
würde es fraglich sein, ob eine Schädigung des sefshaften Buch- 



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24 

händlergewerbes durch dieses Prefsgewerbe auf der einen Seite 
nicht reichlich aufgewogen würde durch die Vortheile, welche 
es dem geistigen und wirthschaftlichen Leben der Nation auf 
der anderen Seite darbietet Allein von einer Benachtheiligung 
des Sortimentsbuchhändlers durch den Colporteur kann kaum 
die Rede sein. Von keiner Seite her sind aus dem Buchhändler- 
stande heraus derartige Klagen laut geworden; im Gegentheil 
herrscht unter den Angehörigen des letzteren eine bemerkens- 
werthe Uebereinstimmung des Urtheils über die Unentbehrlich- 
keit des Colportagebuchhandels. Die wiederholt erwähnte Petition 
der Stuttgarter Handels- und Gewerbekammer betont es aus- 
drücklich, dafs die Schädigung des sefshaften Gewerbebetriebes, 
ein Gesichtspunkt für die Einschränkung des Hausirhandels, 
gegenüber der Colportage nicht Platz greifen könne. 

In vielen Fällen, namentlich bei dem Vertrieb gröfserer 
Lieferungswerke, setzt nämlich die Colportage erst dann ein, 
wenn der Buchhandel auf dem regelmäfsigen Wege seinen An- 
theil an der Verbreitung und ^n dem Gewinn genommen hat. 
Für den Sortimentsbuchhändler ist das Feld im Wesentlichen 
erschöpft; jetzt beginnt die Thätigkeit des Colporteurs, der mit 
dem Aufwand von weit mehr Zeit und Kraft vielleicht das 
Doppelte von dem absetzt, was der regel- und zunftmäfsige 
Buchhandel vorweg genommen hatte. So viel bewirkt das per- 
sönliche Angebot, wenn es von routinirten und fachkundigen 
Leuten bewirkt wird. Gelegentlich nimmt der Sortimentsbuch- 
hän^ler wohl selbst die Dienstleistungen von Colporteuren in 
Anspruch, und es ist nichts Ungewöhnliches, dafs auch eine 
Sortimentsbuchhandlung ihre Sendboten auf das platte Land 
hinaus schickt. Kann doch der Sortimenter in den meisten 
Fällen' gar nicht existiren, ohne dafs er sich durch Ansichts- 
sendungen Absatz zu verschaffen sucht, und werden doch selbst 
in den Motiven des vorliegenden Gesetzentwurfes die Forderungen 
zurückgewiesen, welche ein Verbot des Hausirens mit Druck- 
schriften auch am Wohnorte oder am Ort der gewerblichen 
Niederlassung bezweckten. «Ein solches Verbot — so heifst es 
in den Motiven — mufs angesichts der bestehenden Geschäfts- 
verhältnisse und der Gewöhnung der Bewohner der Städte, auf 
die es hierbei fast allein ankommt, für unzulässig erachtet 
werden. Dasselbe würde eine Schädigung der Interessen des 



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25 

legitimen Buchhandels, welcher zum Theil auf das Austragen 
der Bücher und Zeitschriften nicht allein an feste Kunden, son- 
dern auch an andere Personen angewiesen ist, im Gefolge haben, 
und eine solche läfst sich nicht rechtfertigen.» 

Der Hauptgrund aber, warum der Sortimentsbuchhändler in 
deiti Colporteur keinen Concurrenten erblickt, ist der, weil dieser 
das Publicum zum Kaufen von Büchern überhaupt anregt und 
damit zugleich für Jenen arbeitet. Es mag etwas Beschämendes 
in dem Geständnifs liegen, aber Thatsache ist es: das Bücher- 
kaufen ist diejenige Eigenschaft, welche bei dem Volk der 
Denker am wenigsten, verbreitet ist. Nirgends ist dagegen der 
grobe Unfug des Bücherleihens noch so gang und gäbe wie in 
Deutschland. Die elegante Dame, welche für ihre Toilette kein 
Opfer scheut, sucht zur Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse 
die Leihbibliothek auf mit ihren schmutzigen und vergriffenen 
Bändchen und Bänden, und wie mancher wohlhabende Mann, 
der für eine oder einige Flaschen Wein stets die Börse zur 
Hand hat und für eine Flasche schlechten Champagners, der 
ihm nur Kopfweh einbringt, unbedenklich einen Goldfuchs 
springen läfst, findet die Zumuthung geradezu lächerlich, dafs 
er für ein Buch ein Paar Mark ausgeben soll. 

Darum können wir den Colporteur j der dem Lesepublikum 
die Bücher in's Haus bringt, nicht entbehren. Im Gegentheil, 
vielleicht haben diejenigen Recht, welche den Colportagebuch- 
handel für den Buchhandel der Zukunft erklären, wie er ja auch 
recht eigentlich der Buchhandel der Vergangenheit gewesen ist. 
Denn der Colportagebuchhandel ist fast so alt wie die. Buch- 
druckerkunst, und der Buchführer des sechzehnten Jahrhunderts, 
wie ihn uns Gustav Freytag in seinem «Markus König» in der 
Person des Hannus vorführt, hat mit seinem fliegenden Buch- 
handel nicht wenig zur Verbreitung der reformatorischen Ideen 
eines Martin Luther mit beigetragen. 

Die Productionsweise und die Productionsmenge ist seitdem 
eine andere geworden. Aber derselbe Grund, welcher damals 
den Buchführer aus seinem Buchladen hinaustrieb, um dem Ge- 
lehrten, dem Ritter, dem Bürger und Handwerker seine Waare 
anzubieten, besteht heute noch. Für den Arbeiter der Gegen- 
wart fehlt es zudem vielfach an Zeit, um eine Buchhandlung auf- 
zusuchen. Wie selten kommt ferner der Landmann einmal dazu, 



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26 

dem Buchhändler seinen Besuch zu machen. Die arbeitende 
Klasse weifs vielfach noch gar nicht, wie leicht ihr die schönsten 
und unvergänglichsten Blüthen unserer Nationallitteratur zugäng- 
lich gemacht sind. Und billig mufs das Buch geliefert werden 
können, wenn ein Massenabsatz desselben stattfinden, und ein 
Massenabsatz ist wiederum nöthig, wenn der Verleger nicht nur 
billig, sondern auch gut liefern soll; und der Massenabsatz wird 
nur durch die Colportage ermöglicht, die eben darum für das 
wissenschaftliche, wie für das politische, für das geistige, ja über- 
haupt für das Culturleben der Nation von der eminentesten Be- 
deutung ist. «Würde dieser Entwurf — so konnte Friedrich 
Kapp auf dem volkswirthschaftlichen Kongress in Mannheim mit 
Recht sagen — würde dieser Entwurf Gesetz, so wäre die 
Existenz eines blühenden, steuerkräftigen Gewerbes dem sicheren 
Untergang geweiht, so wäre nicht allein ein grofser materieller 
Verlust von Millionen die Folge, sondern auch das geistige 
Caliber der Deutschen Nation empfindlich und vielleicht für 
immer geschädigt.» 

Allerdings hat sich neuerdings der Verein zur Wahrung ge- 
schäftlicher Interessen in München gegen die Beschlüsse der 
«sogenannten Volkswirthe» gewendet, welche in Mannheim ge- 
tagt haben. Für die Mitglieder dieses Vereins ist es unerfindlich, 
mit welchem Recht man auf dem «manchesterJich- volkswirth- 
schaftlichen Congress» von einer Einschränkung, bezw. strengeren 
Ueberwachung des Colportagebuchhandels die Befürchtung ab- 
leiten mochte, dafs hierdurch «die Nation in ihrem geistigen 
Niveau herabgedrückt und ein bedeutender Culturfactor ver- 
nichtet werden würde. » Vielleicht würde der Verein zur Wahrung 
geschäftlicher Interessen in München mehr Verständnifs hierfür 
gezeigt haben, wenn bei den geschäftlichen Interessen seiner 
Mitglieder auch die geschäftlichen Interessen von Colporteuren 
und Buchhandlungsreisenden concurrirten. Die «sogenannten 
Volkswirthe ^ aber werden sich über jene abfällige Kritik mit 
dem Bewufstsein trösten, dafs sie weder eigene geschäftliche 
Interessen, noch die geschäftlichen Interessen einer bestimmten 
Kategorie von Geschäftstreibenden, sondern vielmehr die Interessen 
der gesammten Nation, und zwar nicht nur die geschäftlichen 
Interessen derselben vertreten. 



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Nach unserer Auffassung ist «die völlige Freigebung der 
Colportage für das ganze Deutsche Reich vor einem Jahrzehnt» 
mit Recht in den Petitionen, welche aus dem deutschen Buch- 
händlerstand heraus an den Reichstag gerichtet worden sind, 
als «ein Fortschritt in den Mitteln zur Aufklärung des gewöhn- 
lichen Mannes» bezeichnet worden. Auch in Oesterreich, woselbst 
der Hausirhandel mit Druckschriften zur Zeit noch verboten ist, 
wird die Freigabe desselben im Interesse der Aufklärung des 
Volkes verlangt, während man sich in Deutschland zu einem 
solchen Rückschritte anschickt. Aber selbst in Oesterreich ist 
das Sammeln von Pränumeranten und Subscribenten im Umher- 
reisen nicht untersagt, sondern nur an einen von der Sicherheits- 
behörde hierzu besonders ausgestellten Erlaubnifsschein gebunden, 
während nach unserer Regierungsvorlage auch dieser Theil des 
Colportagebuchhandels von dem geplanten Verbot getroffen 
werden würde. 

Freilich sind von jenem Verbot in der Regierungsvor- 
lage gewisse Ausnahmen statuirt. Allein diese Ausnahmen 
sind einestheils auf einen ganz geringen Theil des bisherigen 
Absatzes der Colportageliteratur beschränkt, anderen theils sind 
sie allzu vager und eben darum bedenklicher Natur. Das 
Hausiren mit Bibeln und Bibeltheilen wird vielfach von Bibelge- 
sellschaften zu ganz geringen Preisen besorgt, so dafs dem 
Colportagebuchhandel auf diesem Gebiet kein lohnender Absatz 
in Aussicht stehen würde. Dasselbe gilt von Schulbüchern und 
Landkarten, die in vielen Gegenden durch Vermittelung der 
Lehrer den Schulkindern zu ermäfsigten Preisen verschafft werden. 
Zudem herrscht auf diesem Gebiet leider eine solche Ver- 
schiedenheit der Lehrmittel und Lehrbücher, dafs der Colporteur 
auch aus diesem Grund sich dieses Artikels nicht bemächtigen 
kann, da er das Lehrbuch, welches in der Schule eines Ortes 
eingeführt ist, schon in dem nächsten Ort nicht absetzen kann, 
weil es in der Schule dieses Ortes eben nicht eingeführt ist. 

Ein weitverbreiteter Colportageartikel sind allerdings die 
Kalender. Aber hier fragt es sich, was unter «landesüblichen» 
Kalendern verstanden wird; denn nur diese sollen von dem Ver- 
bote frei bleiben. Sind nur diejenigen Kalender «landesübliche», 
welche seit Jahren und seit Jahrzehnten in der betreffenden 
Gegend verbreitet sind, so wäre die Einführung eines neuen 



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28 

Kalenders, und wenn er noch so vortrefflich wäre, ausgeschlossen. 
Und welches würden die Kriterien der Landesüblichkeit sein? 
Man hat in neuerer Zeit die Kalender vielfach benutzt, um 
politischen Parteigrundsätzen in dieser Form bei den Massen 
Eingang zu verschaffen. Der «Arme Konrad» der Social- 
demokraten wurde seiner Zeit in 50CXX) Exemplaren gedruckt. 
Bei der Beurtheilung der Landesüblichkeit könnte hier also 
leicht das politische Moment mit in Frage kommen. 

In noch weit höherem Maafse aber würde dies bei Be- 
antwortung der Frage der Fall sein können, welche Schriften als 
«patriotische» zu bezeichnen sein würden. Je nach der politischen 
Stellung des Beurtheilenden könnte eine Schrift wohl von dieser 
Seite als eine patriotische, von jener aber als eine staatsgefährliche 
bezeichnet werden. Das liberale «Deutsche Reichsblatt» könnte 
z. B. leicht als eine unpatriotische Schrift erscheinen, wenn die 
Brillengläser, durch welche man es betrachtete, eine andere 
politische Färbung haben würden. Der Begriff einer patriotischen 
Schrift wird objektiv kaum festgestellt werden können. Die 
patriotischen Phrasen allein machen eine Schrift noch nicht zu 
einer patriotischen, und man könnte sehr wohl eine Schrift her- 
stellen, welche unter der Larve des Patriotismus dem Volke das 
gefährlichste Gift zuführte. Eine gesetzliche Ausnahmebestimmung 
dieser Art würde uns aber vielleicht eine Aera patriotischer 
Phraseologie bringen, vor welcher selbst dem Verfasser der 
Regierungsvorlage bange werden möchte. 

Ebenso ist es nicht leicht, den Begriff einer «erbaulichen» 
Schrift festzustellen. Auch hier wird es auf die subjektive An- 
schauungsweise ankommen. Wollte man aber nur diejenigen 
«Erbauungsschriften» dem Colporteur freigeben, welche sich 
selbst als solche bezeichnen, so würde man damit einen litterarischen 
Productionszweig begünstigen, welcher an Geschmacklosigkeit 
und Langweiligkeit vielfach mit dem Colportageroman wett- 
eifert. Ein gutes Erbauungsbuch zu schreiben ist eine der 
schwierigsten Aufgaben, und leider sind es nur selten berufene 
Autoren, welche sich dieser Aufgabe unterziehen. Und solche 
Schriften, deren Absichtlichkeit ihre Leetüre nicht selten zu einer 
wahren Qual macht, sollten freigegeben sein, während die unsterb- 
lichen Werke der ersten Geister unserer Nation dem Colportage- 
buchhändler und damit der breiten Masse des Volkes entzogen 



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29 

wären? AIP die Zeitschriften und Lieferungs werke, all' die 
populären Schriften und Unterhaltungsbücher, von denen oben 
die Rede war, sollten dem Verbot unterliegen ? Jenes grofsartige 
Aufklärungs- und Bildungsmittel sollte der Nation entzogen 
werden ? 

Wahrlich es ist nicht zu verwundern, wenn die Fach- 
männer des deutschen Buchhandels sich wie Ein Mann gegen 
jenes Colportageverbot erklärten; ein legislatorischer Mifsgriff, 
welcher nur durch Unkenntqifs der in Frage kommenden Ver- 
hältnisse erklärt werden kann. 

Auch die Commission des Reichstages, an welche die Ge- 
werbenovelle verwiesen worden ist, konnte sich mit derh Colportage- 
verbot nicht befreunden, und während die Regierungsvorlage in 
manchen tief einschneidenden Bestimmungen von der klerikal- 
conservativen Majorität der Commission (ii Stimmen gegen lo 
liberale Stimmen) trotz des Widerspruchs der liberalen Minorität 
angenommen worden ist, fand sich für dieses Verbot in der 
Commission kein Fürsprecher. 

Hiernach würde dasselbe auch im Plenum des Reichstages 
schwerlich durchzubringen sein. 

Es wurde auch mit Recht in der Presse, in Petitionen und in 
der Commission selbst darauf hingewiesen, wie man, wofern man 
gewissen Auswüchsen des Colportagebuchhandels begegnen 
wolle, auf das System früherer Particulargesetzgebungen zurück- 
gehen solle, welche den Colportagebuchhandel principiell frei- 
gaben und nur gewisse Litteralien von der Colportagefahigkeit 
ausschlössen; wie z. B. die Württembergische Gewerbeordnung 
«abergläubische, sittenverderbliche, sonstige anstöfsige und die 
von den gesetzlich zuständigen Behörden mit vorläufigem Beschlag 
belegten oder gerichtlich verbotenen Bücher und Bilder» einem 
solchen Verbot unterstellt hatte. 

Leider hielten es aber die conservativen Mitglieder der 
Commission für nothwendig, das politische Moment mitherein- 
zuziehen und daran festzuhalten, dafs die Colportage staats- 
gefährlicher Schriften untersagt werden müsse. Dies war für 
die Liberalen der entscheidende Punkt, warum sie gegen 
die klerikal -conservative Majorität stimmten. Herr von Kleist- 
Retzow wollte anfangs alle «gemeingefährlichen» Schriften 
von der Colportage ausgeschlossen wissen. Er ersetzte dieses 



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.30 

vieldeutige und allzu unbestimmte Wort dann durch eine 
Wendung, wonach solche Schriften verboten sein sollten, «welche 
geeignet sind, die Grundlagen des Staats oder der Gesellschaft 
zu untergraben». 

Aber auch diese Fassung war für die Liberalen unannehmbar. 

Darüber, welches die Grundlagen des Staates und der Ge- 
sellschaft sind, können die Ansichten auseinander gehen, und 
noch viel mehr kann dies der Fall sein in Ansehung der Frage, 
ob eine Druckschrift in der That geeignet sei, jene Grundlagen 
des Staates und der Gesellschaft zu untergraben. Das ist kein 
objectiv erkennbarer Begriff. Wie bei den sogenannten patrio-^ 
tischen Schriften wäre auch in diesem Falle dem subjectiven 
Ermessen ein all zu weiter Spielraum gelassen. Die politische 
Anschauungsweise könnte zu einer sehr verschiedenartigen Be- 
urtheilung eines und desselben Schriftstückes führen. Eine 
wissenschaftliche Abhandlung, welche sich mit der Zweckmäfsig- 
keit irgend einer Bestimmung der Verfassung beschäftigt, könnte 
einem ängstlichen Gemüth als geeignet erscheinen, die Ver-^ 
fassung zu untergraben. Vielleicht könnte sogar die vorliegende 
Abhandlung, welche einen Regierungsentwurf — hoffentlich in 
durchaus sachlicher Weise — kritisirt, als geeignet hierzu er- 
scheinen, weil sie gegen die Autorität des einen der beidea 
Factoren der Reichsgesetzgebung Stellung nimmt. 

Ist in einer Druckschrift wirklich ein nach der bestehendea 
Strafgesetzgebung strafbarer Angriff auf den Staat, sein Ober- 
haupt oder seine Verfassung oder gegen seine Organe enthalten, 
so hat die Justiz einzuschreiten, und die Druckschrift ist zu unter^ 
drücken, gleichviel, ob ihre Verbreitung im Wege des Hausir- 
handels oder des stehenden Gewerbebetriebes erfolgt. Dafs das 
Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches in dieser Hinsicht ge- 
nügende Garantien enthält, ist oben bereits ausgeführt worden. 
Darum weg mit diesem vieldeutigen Begriff von Schriften, welche 
die Grundlagen des Staates und der Gesellschaft zu untergraben 
geeignet sind! 

Dagegen waren die liberalen Mitglieder der Commission. 
bereit, dem Vertrieb unsittlicher und wohl auch irreligiöser 
Schriften im Wege der Colportage eine Schranke zu setzen. 
Man gab zu, dafs es zweckmäfsig sein könne, nicht nur un- 
züchtige Schriften, welche, wie oben ausgeführt wurde, schoa 



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31 

jetzt durch das Strafgesetzbuch verpönt sind, sondern auch un~ 
sittliche Schriften von einem Gewerbebetrieb auszuschliefsen,. 
welcher sich in so unmmittelbarer Weise an das Lesepublicum 
wendet, und mit Rücksicht auf die Moralität des Volkes eine 
gewisse Ueberwachung als geboten erscheinen lassen kann 
Bin Verbot des Colportageromans als solchen würde sich vom 
gesetzgeberischen Standpunkt aus schon um. deswillen nicht 
rechtfertigen lassen, weil es sich hierbei nicht um einen be- 
stimmten und juristisch fafsbaren Begriff handelt. 

Das Hauptbedenken, welches man gegen den Colportage- 
roman geltend machen kann, besteht ja doch auch darin, dafs 
man den Vertrieb dieser seichten und geschmacklosen Leetüre 
durch schwindelhafte Prämien und Verlosungen in ungesunder 
Weise ins Werk setzt. Diesem Prämienschwindel wird Niemand 
das Wort reden, und eine Beseitigung desselben ist auch dem 
soliden deutschen Buchhandel nicht minder wie den liberalen 
Fractionen des Reichstages willkommen. Unbillig wäre es aber,, 
wollte man mit diesem Prämienschwindel, wie er im Vorstehen- 
den geschildert worden, auch die Prämien verbieten, welche 
dem Buch- und Kunsthandel angehören, also keinem anderen 
Industriezweig entlehnt sind, auch zu keinerlei Bedenken in sitt- 
licher oder in religiöser Hinsicht Veranlassung gegeben. Mit 
Recht ist daher neuerdings von dem Börsenverein der deutschen 
Buchhändler und von dem Centralverein deutscher Colportage- 
buchhändler in Leipzig darauf hingewiesen worden, wie es sich 
in solchen Fällen nur um ein wirksames und beliebtes Zug- 
mittel handele, welches in der That auch ganz ungefährlicher 
Natur ist. 

Es mag zugegeben werden, dafs unter den Oeldruckbildern,. 
welche vielfach als Prämien gegeben werden, sich mancher 
Schund befindet. Allein es werden auch ganz vorzügliche 
Prämienbilder, namentlich von manchen Zeitschriften, dargeboten,, 
und warum sollte man diese als nicht colportagefähig bezeichnen,, 
während sie im stehenden Buchhandlungsgewerbe gang und 
gäbe bleiben würden. Verlosungen von Gegenständen des Buch- 
oder Kunsthandels werden im Colportagebuchhandel schwerlich 
vorkommen, sind auch durch das Börsensteuergesetz, welches 
die vorgängige Abstempelung solcher Loose vorschreibt, sehr 
erschwert. 



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Nach den Beschlüssen der Reichstagscommission in erster 
und zweiter Lesung sollen vom Feilbieten im Umherziehen ausge- 
schlossen sein : 

«Druckschriften, andere Schriften und Bildwerke, in- 
sofern sie die Grundlagen des Staats und der Gesellschaft 
zu untergraben, oder in sittlicher oder religiöser Beziehung 
Aergernifs zu geben geeignet sind, oder welche mittels 
Zusicherung von Prämien oder Gewinnen vertrieben 
werden». 
Nach der hier vertretenen Ansicht würden dagegen vom Col- 
por\ageverbot nur betrofifen: 

«Druckschriften, andere Schriften und Bildwerke, 
welche in sittlicher oder religiöser Beziehung Aergernifs 
zu geben geeignet sind, oder welche unter Zusicherung 
von Prämien oder Gewinnen vertrieben werden, welche 
einem anderen Industriezweige als demjenigen des Buch- 
oder Kunsthandels angehören». 
Diese Fassung, welche auf dem volkswirthschaftlichen Con- 
grefs in Mannheim von dem Verfasser im Verein mit den Re- 
ferenten Dr. Kapp und Dr. Weigert vorgeschlagen wurde und 
zur Annahme gelangte, ist inzwischen auch von dem Börsenverein 
der Deutschen Buchhändler und von verschiedenen anderen buch- 
händlerischen Corporationen adoptirt worden. 

Bedenken mufs aber ferner die Beibehaltung des Druck - 
Schriftenverzeichnisses erregen, welches der Colporteur der zu- 
ständigen Verwaltungsbehörde seines Wohnorts zur Genehmigung 
vorzulegen haben würde. - Diese Genehmigung soll versagt werden, 
soweit das Verzeichnifs Druckschriften enthält, welche nicht col- 
portagefähig sind. 

Allein darüber, ob eine Schrift in religiöser oder sittlicher 
Beziehung Aergernifs zu geben geeignet sei oder nicht, können 
die Ansichten der Behörden sehr auseinander gehen, auch könnte 
sich in dieser Hinsicht in den verschiedenen Theilen Deutschlands 
eine sehr verschiedene Praxis ausbilden. Der Colporteur, dessen 
Verzeichnifs von seiner zuständigen Verwaltungsbehörde genehmigt 
ist, kann mit den genehmigten Schriften im ganzen Reichsgebiet 
hausiren, und unter den betreffenden Druckschriften könnte sich 
wohl eine Schrift befinden, welche in dem Verzeichnisse eines 
anderen Colporteurs von der Behörde des letzteren gestrichen 



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ist. So könnte es denn sehr leicht vorkommen, dafs ein und 
dieselbe Schrift von diesem Colporteur vertrieben werden könnte, 
während ein College desselben wegen des Vertriebs derselben in 
Strafe genommen werden müfste. 

Man hat deshalb in buchhändlerischen Kreisen die Einsetzung 
einer Reichsbehörde vorgeschlagen, welche wenigstens in höherer 
Instanz für das ganze Reich in einheitlicher Weise über die Col- 
portagefähigkeit der Druckschriften und Bildwerke befinden 
sollte. Der Regierungsentwurf wollte sogar gegen die Versagung 
der Genelimigung eines Druckschriftenverzeichnisses unter Aus- 
schlufs des Verwaltungsstreitverfahrens nur die einmalige Be- 
schwerde an die unmittelbar vorgesetzte Behörde gestatten; eine 
Bestimmung, welche jedoch in der Commission gestrichen 
worden ist. 

Der Verfasser dieser Abhandlung mufs sich jedoch mit aller 
Entschiedenheit gegen das Institut des Druckschriftenverzeichnisses 
überhaupt erklären. Entweder wird dasselbe zu einer blofsen 
Formalität, und dann hat es keinen Werth, oder die Behörden 
müfsten mit besonderen Arbeitskräften ausgestattet werden, wenn 
anders die Genehmigung des Druckschriftenverzeichnisses nur 
liach einer Prüfung des Inhalts der Druckschriften ertheilt werden, 
und der Beamte damit eine Verantwortlichkeit dafür übernehmen 
soll, dafs er nur wirklich colportagefähige Schriften zugelassen 
habe. Die Befürchtung, dafs man hier dem Beamten zuviel zu- 
muthe, würde namentlich dann begründet sein, wenn die Schriften, 
welche die Grundlagen des Staates und der Gesellschaft zu unter- 
graben geeignet sind, vom Colportagevertrieb ausgeschlossen 
werden sollen. Wie lange Zeit sollte denn wohl ein Beamter 
zur gründlichen Prüfung jener Druckschriften brauchen, welche 
der oben erwähnte Colporteur in Thüringen mit sich führte? 
Wie lange Zeit wird ihm z. B. zum Studium eines Conversations- 
lexikons gegönnt, das zwanzig dicke Bände und tausende von 
Artikeln enthält, unter denen sich doch vielleicht ein staats- 
gefährlicher befinden kann? Und was wird unterdessen aus dem 
unglücklichen Colporteur, der inzwischen Hungers sterben .kann, 
bis der noch unglücklichere Beamte sich durch seinen Kram 
hindurchgelesen hat? 

Ob es freilich im Reichstag gelingen wird, diese legislatorische 
Neuerung zu beseitigen, und die Beschränkung des Colportage- 

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buchhandels auf das richtige Mafs zurückzuführen, das ist bei der 
dermaligen Zusammensetzung dieser Körperschaft und bei dem 
Mangel einer sicheren Majorität zur Stunde noch zweifelhaft. 
Dasselbe gilt von jenen Beschränkungen des Hausirgewerbes 
überhaupt, von welchen der Colporteur mitgetroffen werden würde, 
namentlich auch von der Entziehung der Befugnifs zur Ausübung 
dieses Prefsgewerbes, welche, wie oben entwickelt, auch dem 
fliegenden Buchhandel gegenüber für zulässig erklärt werden soll 
und einen Bruch mit dem System des Reichsprefsgesetzes be- 
deuten würde. Es gilt dies endlich auch ganz besorrders von 
den Bestimmungen, welche gegen die Detailreisenden und somit 
gegen die Buchhandlungsreisenden insbesondere gerichtet sind. 

Möge es den Liberalen gelingen, auf diesen Gebieten einen 
verhängnifsvoUen Rückschritt zu verhüten; möge es ihnen ins- 
besondere vergönfit sein, eine Hebung des Colportagebuchhandels 
herbeizuführen an Stelle der geplanten Vernichtung dieses un- 
endlich wichtigen Factors im wirthschaftlichen wie im Culturleben 
unserer Nation. 



Sjc. €'. y,,- /^: 



Druck von Leonhard Simion, Berlin SW, 



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